Kolka – die wärmste luft, der stärkste wind, das grünste meer

Kap Kolka – einer der wertvollsten Schätze Lettlands. Sandstrände, unberührte Natur und eine interessante regionale Geschichte gibt es hier zu erkunden. Unternehmen Sie eine Wanderung oder legen Sie sich an den Strand, verkosten Sie regionale Delikatessen oder lauschen Sie den Legenden aus lange vergangenen Zeiten.

Die Geschichte von Kolka war weder ruhig noch idyllisch

Das Haus eines Fischers mit dem Namen ‚Ūši‘ steht im älteren Teil des Dorfes, nicht weit vom Kap Kolka entfernt. Es wurde zum ersten Mal 1770 im örtlichen Kirchenbuch erwähnt. Auf der linken und rechten Seite des ‚Ūši‘ Gehöfts befinden sich zwei recht außergewöhnliche Gebäude, die jeweils auf eine lange Geschichte zurückblicken. Rechts liegt die Lutherische Kirche von Kolka, die im Dezember 1886 geweiht wurde. Wie so viele andere Kirchen in ganz Lettland wurde sie zu Sowjetzeiten zerstört, doch nach der lettischen Unabhängigkeit im Jahr 1991 begannen die Einwohner und Mitglieder der Kirchengemeinde damit, Spenden zu sammeln, um die Kirche zu restaurieren. In dieser befindet sich ein ungewöhnliches Altarbild, ein modernes Triptychon, das von der lettischen Künstlerin Helēna Heinrihsone gezeichnet wurde. Es bietet einen bunten Farbakzent inmitten der sonst eher schlichten Ausstattung der Kirche.

Nur fünf Minuten zu Fuß von der Lutherischen Kirche entfernt, liegt auf der anderen Seite der ‚Ūši‘ Einfahrt die Orthodoxe Geburtskirche von Kolka aus dem Jahr 1892. Kolka war der einzige Küstenort der Gegend, in dem eine orthodoxe Kirche errichtet wurde.

Um die römisch-katholische Gemeinde von Kolka spinnt sich noch eine ganz andere Geschichte. Man glaubt, dass die allererste christliche Kirche Lettlands möglicherweise hier in Kolka erbaut wurde – vor über 900 Jahren. Allerdings wird diese Theorie bis heute von Historikern angezweifelt. In jedem Fall wurde vor 30 Jahren eine neue katholische Gemeinde in Kolka gegründet, jedoch ohne eigene Kirche. Aus diesem Grund entschied man sich in Kolka dafür, dass die Gemeinde, wenn sie schon keine Kirche bauen durfte, zumindest dazu befugt war, eine neue Kirche ins Dorf zu holen. So wurde 1997 die Katholische Grīņi Kirche (aus dem Jahr 1935) in Saka, an der lettischen Westküste, Balken für Balken abgetragen und in Kolka wieder zusammengesetzt.

Eine kleine, namenlose Straße führt an der Kirche vorbei bis zum Meer. Auf der rechten Seite am Wasser steht Līcis-93, eine der größten Fischverarbeitungsfabriken an der Küste. Hier sind aktuell 240 Menschen beschäftigt. Schon seit langem zählen Fischerei und Fischverarbeitung zu den wichtigsten Industrien in Kolka. Das erste Produkt bestand aus würzig eingelegten Sprotten, die man ‚Reval Anchovies‘ nannte und in ganz Russland verkaufte (Reval ist der ehemalige Name von Tallinn – Ed.).

Die gesamte Küste – von Nīca im Südwesten Lettlands bis hinauf nach Kolka und wieder Richtung Süden nach Mērsrags am Rigaer Meerbusen – gehörten zu einer Sondergrenzzone der Sowjetunion. Da dies die westlichste Grenze der UDSSR war, wurde die Küste stets vom sowjetischen Grenzschutz bewacht. Die einzigen Zivilisten, die sich in diesem Gebiet aufhalten durften, waren die Einwohner. Wollten Verwandte aus anderen Regionen zu Besuch kommen, benötigten sie eine Ausnahmegenehmigung. Das Kap Kolka war vollständig von der restlichen Zivilisation abgeschnitten. Nachdem sich die sowjetische Armee aus der Sonderzone zurückgezogen hatte, durfte man wieder ans Kap Kolka sowie in die gesamte Küstenregion reisen. Für die Einwohner Lettlands war dies ein wichtiges und emotional bedeutsames Ereignis, vor allem für die Küstenbewohner.

Kap Kolka. In den frühen Morgenstunden im August herrschte hier während meines Aufenthalts eine ganz besondere Atmosphäre

Es lag keine Bewegung in der Luft. In der Ferne waren ein oder zwei Fischerboote zu erkennen, doch ansonsten lag das Wasser spiegelglatt da. Es war der Inbegriff von Stille.

Trotz des modernen technischen Fortschritts spielt der Leuchtturm von Kolka selbst heute noch eine wichtige Rolle für die Schifffahrt. In früheren Zeiten entzündete man Feuer entlang der Küste, um die Segler zu warnen. Der Leuchtturm von Kolka taucht zum ersten Mal in historischen Dokumenten von 1532 auf. Ursprünglich handelte es sich wahrscheinlich um einen Holzturm mit einem Feuer an der Spitze. 1872 wurde rund sechs Kilometer vor der heutigen Küste mit dem Aufschütten einer künstlichen Insel begonnen. Örtliche Fischer transportierten Felsen mit ihren Booten – und im Winter auf Wagen über das Eis – um den Bau dieser Insel zu verwirklichen. Der permanente Leuchtturm wurde 1884 eingeweiht. Gebaut wurde er in St. Petersburg und anschließend mit dem Schiff nach Kolka transportiert. Die verschiedenen Leuchtturmwärter lebten damals bis zu einem Monat am Stück auf der künstlichen Insel. Im Winter erreichten sie ihn mit Pferdewagen, die über das Eis fuhren, mit dem Fahrrad oder sogar mit selbstgebauten Eisbooten. Schon seit 2011, also vor einem Jahrzehnt, ist das Meer jedoch nicht mehr bis ganz zum Leuchtturm zugefroren.

Man sagt, dass die Livländer wie Felsen sind, unter denen kein Wasser hindurchfließt

Sie sind harte Burschen. Es ist schwer, sie von ihrem Standpunkt wegzubewegen oder von etwas anderem zu überzeugen. Die Vorfahren dieser Menschen kamen um die späte Bronzezeit ins heutige Lettland. Dennoch hat die livonische Sprache ohne Frage ihre Spuren im modernen Lettisch hinterlassen, beispielsweise in Form der charakteristischen Betonung auf der ersten Silbe aller Wörter. Wenn man über den Norden von Kurzeme berichtet, ohne die Livländer zu erwähnen, würde man einen wichtigen Teil der Identität dieser Gegend ignorieren. Leider ist die livonische Population im Laufe der Jahrhunderte drastisch geschrumpft. Heute leben wohl nur noch rund 250 Livländer in Lettland. Und trotzdem sind sie nicht ausgestorben und hängen nach wie vor sehr an ihrer Kultur, Sprache und Traditionen.

Der livonische Fotograf Jānis Mednis glaubt, dass rund 100 Menschen in Lettland zumindest teilweise die livonische Sprache sprechen. Er selbst hat sich über Jahre hinweg mit ihr beschäftigt. So spricht er zum Beispiel ausschließlich Livonisch mit seiner kleinen Tochter Kuldi. Auch ein livonisches Kinderbuch mit dem Titel Kūldaläpš (das bedeutet ‚Goldenes Kind‘) soll bald veröffentlicht werden.

Die erste livonische Schule befand sich Mitte des 19.Jahrhunderts in Košrags. In der Nähe von Sīkrags, eine der ältesten livonischen Siedlungen, befindet sich außerdem ein nationales Kulturdenkmal. ‚Man sagt, wir hätten einen unbeugsamen, je sogar sturen Charakter‘ so Mednis. ‚Ein Livländer gehört wahrscheinlich eher zu den reservierteren Menschen, ist aber gleichzeitig viel impulsiver und temperamentvoller als der typische Lette. Außerdem lebt er im Einklang mit der Natur. Ein richtiger Eigenbrötler, der sich in seinem Zuhause am Meer am wohlsten fühlt.‘

Es ist diese idyllische Natur, die wohl zu den größten Schätzen der livonischen Küste gehört

Die Weiten der grünen Wälder, die auch den Slītere Nationalpark (SNP) umfassen, sind unvorstellbar. Hierbei handelt es sich um den kleinsten der vier Nationalparks Lettlands, dessen Geschichte sich aufgrund der ehemals isolierten Grenzzone auch stark von den anderen unterscheidet. Heute erstreckt sich der Park über mehr als 16.000 Hektar. Experten aus aller Welt kommen hierher, um die ungewöhnlichen Orchideen und seltenen, geschützten Insekten und Moose zu studieren. Der SNP wird auch als Freilichtmuseum über die Entstehung der Ostsee bezeichnet. Dieses Meer ist aus geologischer Sicht noch relativ jung und entstand erst kurz nach der letzten Eiszeit. Die Blauen Hügel von Šlītere stellen tatsächlich das alte Ufer des Baltischen Eisbeckens dar – die älteste Form der Ostsee.

Wenn man von Kolka nach Dundaga fährt, ist diese hügelige Landschaft leicht zu erkennen. Um genau zu sein, sieht die gesamte Küste zwischen Roja und Ventspils so aus, nicht nur der Nationalpark. Der SNP befand sich in der isolierten Grenzzone der Sowjetunion. Der Eiserne Vorhang, der Ost- und Westeuropa voneinander trennte, war insgesamt über 12.000 Kilometer lang. An manchen Orten war er deutlich zu erkennen, zum Beispiel an der Berliner Mauer, anderswo, so wie hier, stellte er lediglich einen Bereich mit sehr begrenzter menschlicher Aktivität dar.

Die Besucher des Parks sind herzlich dazu eingeladen, diese einzigartige Gegend auf Naturpfaden zu erkunden. Außerdem sind das Kap Kolka und seine Umgebung Teil einer wichtigen Wanderroute für Zugvögel – im Frühjahr kann man manchmal mehrere tausend Vögel innerhalb von einer Stunde beobachten. Für Vogelbeobachtungen kommt man also am besten im April und Mai sowie im September und Oktober nach Kolka. Bei einem Besuch in der Natur sollte man jedoch beachten, alles Mitgebrachte auch wieder mitzunehmen, mit anderen Worten: Keine Spuren hinterlassen!

Nicht nur die Menschen nehmen Einfluss auf die Natur, auch sie selbst verändert sich stetig. Dies trifft auch auf das Kap Kolka zu. Laut Jānis Lapinskis, ein Geologe und Dozent an der Fakultät für Geografie und Geowissenschaften an der Universität von Lettland, hat das Meer in den vergangenen 130 Jahren rund 130 Meter Land an beiden Seiten des Kap Kolka abgetragen. Das hat dazu geführt, dass die Küste auf beiden Seiten des Kaps zurückgegangen ist. Nur der Leuchtturm von Šlītere steht schon seit seinem Bau im Jahr 1849 am alten Ufer des Baltischen Eisbeckens. Er wurde in natürlich erhöhter Lage an einem günstigen Standort erbaut, der die Umgebung auf 70 Metern über dem Meeresspiegel überblickt. Es verwundert also nicht, dass man ihn sogar vom Leuchtturm Sorve in Estland sehen kann. Er wird zudem als Aussichtsturm verwendet, um Waldbrände zu entdecken. Heute ist der Leuchtturm von Šlītere nicht länger in Betrieb, man kann ihn jedoch von Mitte April bis Oktober besichtigen. Von der Spitze des Turms überblickt man die unfassbaren Weiten der grünen Wälder, deren Farbe sich in der Ferne ins Blaue zu verändern scheint.

Im Sommer reift das Korn. Im Herbst hört man den Ruf der Kraniche. Und in diesem Moment, als ich neben dem Leuchtturm von Šlītere stehe und auf die unzähligen Baumwipfel schaue, sehne ich mich wieder in die Morgenstunden des Augusts zurück, obwohl dieser Ort zu jeder Jahreszeit etwas Magisches hat.

UNTERKÜNFTE

Pilava Gästehaus

Das Pilava sticht nicht nur in Bezug auf sein Design hervor, sondern auch aufgrund seiner umweltfreundlichen und nachhaltigen Denkweise. Das Gästehaus wurde ausschließlich aus umweltfreundlichen Baustoffen wie natürlichen Farben und Lacken errichtet und der Strom wird hauptsächlich aus den Solarpanelen bezogen, die zudem für ein positives Mikroklima und gesunden Schlaf sorgen. Das Pilava liegt nur 20 Meter vom Meer entfernt.

Palsa Jacht

Gundega und Lauris Karlsons bieten Fahrten und Übernachtungen auf der Palsa an. Lauris ist gleichzeitig der Kapitän der Jacht und seine inspirierende Geschichte darüber, wie er sich seinen Traum erfüllte, kann man auf ihrer Homepage nachlesen. Die Palsa war einst ein Fischerboot, wurde jedoch zum Freizeitschiff umgebaut. Der ehemalige Schiffsraum dient heute als Wohnbereich mit fünf komfortablen Kabinen und Bullaugen, die einen atemberaubenden Blick auf die schäumenden Wellen bieten.

REGIONALE KÖSTLICHKEITEN, DIE MAN PROBIEREN MUSS

Sklandrauši

Diesen kleinen Pasteten, bestehend aus ungesäuerter Roggenkruste mit herzhafter Möhren- und Kartoffelfüllung mit Kümmel, wurde das Zertifikat „Garantiert traditionelle Spezialität“ von der Europäischen Kommission verliehen. In Kolka gibt es im Sommer die besten Sklandrauši bei Jānis Tarlaps auf dem ‚Zvīņas’ Hof gegenüber des Kolka Stadions oder bei Dženeta
Marinska auf ‚Ūši’.

Geräucherter Fisch

Hierbei handelt es sich zwar nicht um eine ausschließlich livonische Delikatesse (geräucherten Fisch findet man überall an der baltischen Küste und in vielen anderen Ländern), bei einem Ausflug nach Kolka darf man es jedoch nicht verpassen, den geräucherten Fisch zu probieren. Diesen kann man in kleinen Holzhütten an der Straße kaufen. Er ist vollständig regional bezogen und vor Ort geräuchert. Wer ihn im Restaurant genießen möchte, sollte das Dzintarkrasts in Žocene (bei Roja) oder das Otra puse (Jūras iela 6/8, Roja) besuchen.

AKTIVITÄTEN

Slītere Nationalpark mit Vilnis Skuja

Vilnis Skuja, einer der erfahrensten Naturexperten Lettlands, bietet Wanderungen durch den Slītere Nationalpark an. Wer sich besonders für Vogelbeobachtungen interessiert, sollte sich auf kolkasrags.lv/Routes eine Broschüre herunterladen. Am Kiefernweg von Kolka befindet sich ein 16 Meter hoher Turm zum Beobachten von Vögeln. Twitter: @Skuja.Vilnis E-mail: vilnis.skuja@daba.gov.lv

Mazirbe erkunden

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts zählte dieser Ort zu den größten livonischen Siedlungen. Der Bau von Segelbooten begann hier im Jahr 1860. Ein Naturpfad führt an der alten Strecke der Schmalspurbahn (660 mm) entlang, die zwischen 1916 und 1962 die Küstenorte mit den größeren Städten Ventspils und Talsi verband. An der Strecke, die Wanderern und Radfahrern zur Verfügung steht, befindet sich die Mazirbe Station, an die heute noch ein Gedenkstein erinnert. Der kürzere Rundweg ist 15 Kilometer lang, der längere Rundweg 19 Kilometer. Auf dem Bootsfriedhof von Mazirbe kann man die Überreste alter Fischerboote bestaunen.

Flug nach Riga buchen

Sie können mehr über Kolka in Baltic Outlook lesen.

Text von Ilze Pole
Fotos von Jānis Mednis

 

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